Jim McNeely und Olaf Stötzler

Jochen Stolla im Gespräch mit Chefdirigent Jim McNeely und Orchestermanager Olaf Stötzler zur neuen Saison 2018/19.

Jochen Stolla: Jim McNeely, welche drei Begriffe fallen Ihnen spontan ein, wenn Sie an Hessen denken?

Jim McNeely: Der erste ist Kultur, da passiert in Hessen sehr viel. Der zweite ist Apfelwein. Und der dritte die hr-Bigband - die ist für mich sehr wichtig.

Stolla: Herr Stötzler, was fällt Ihnen beim Stichwort »Hessen« ein?

Olaf Stötzler: Schöne Landschaften, Fachwerk und der Flughafen.

Stolla: Jim McNeely, Sie leben in New York City - welche Begriffe verbinden Sie mit dieser Region?

McNeely: Energie, Jazz und Restaurants.

Stolla: Warum ich dies wissen wollte: In der kommenden Saison erinnert die hr-Bigband an zwei wichtige Musiker aus Hessen, an Volker Kriegel und Albert Mangelsdorff. In welchem Maß ist Musik mit der Region verbunden, aus der sie kommt?

McNeely: Musiker sind das Produkt der Umgebung, in der sie aufgewachsen sind. Die Musik, die sie gehört haben, als sie jung waren, die Lehrer, die sie hatten, die ersten Erfahrungen, all das hat dazu beigetragen, sie für den Rest ihres Lebens zu formen. Es ist wie beim Wein und dem »Terroir«. In Chicago, wo ich herkomme, liegt zum Beispiel der Blues in der Luft, viel mehr als etwa in New York oder Los Angeles. Das hat einen großen Einfluss, gerade wenn man jung ist.

Stolla: Was bedeutet Ihnen, der Sie im Heimatland des Jazz leben, der Jazz aus Europa?

McNeely: Ich habe Musik von Albert Mangelsdorff kennen gelernt, als ich ein Kind war. Seine Platte »Albert Mangelsdorff and Friends« kam damals in den USA heraus. Ich dachte: Oh, dieser Typ kann spielen! Gleichzeitig hatte er einen ganz eigenen Sound, er spielte nicht einfach wie J. J. Johnson oder Curtis Fuller. Ich bin froh zu sehen, dass die Europäer nicht einfach versuchen, die Amerikaner zu imitieren. Sie bringen ihre eigenen Erfahrungen in die Musik ein.

Stolla: Herr Stötzler, Sie sind für das Programm der hr-Bigband verantwortlich. Fühlen Sie sich in dieser Funktion dem europäischen Jazz - oder auch dem deutschen oder hessischen – besonders verpflichtet?

Stötzler: Es ist eigentlich längst überfällig, dass wir mit Albert Mangelsdorff und Volker Kriegel auch zwei historisch bedeutende Musiker der regionalen Szene ehren, die international einen Durchbruch geschafft haben. Ich denke, dass wir definitiv eine Verpflichtung haben, europäischen Jazz und seine Protagonisten zu präsentieren, und damit im Idealfall Anstöße geben. Deshalb hole ich immer wieder Leute hierher, von denen ich denke, dass sie der europäischen Szene Impulse geben und sie weiterentwickeln.

Stolla: Sehen Sie darin eine Chance, auch weltweit etwas zum Jazz beizutragen?

Stötzler: Gerade durch jemanden wie Jim werden unsere Projekte durchaus zum Beispiel auch in Amerika wahrgenommen. Wenn wir eine Platte machen, wie jetzt zuletzt »Barefoot Dances«, dann wird sie auch in den USA rezensiert und gibt Anstöße, wie Bigbandmusik sein kann und wie sie sich entwickeln kann. Und auch über Youtube werden wir definitiv weltweit wahrgenommen.

Stolla: Ein weiteres neues Projekt ist das mit Brian Blade und seiner Fellowship-Band. Was kann das Publikum da erwarten?

McNeely: Brian ist weniger ein Schlagzeuger als ein Musiker, der Schlagzeug spielt - das ist ein Unterschied! Dabei ist er ein toller Schlagzeuger, muss ich dazusagen. Vor zwanzig Jahren habe ich seine Fellowship-Band beim North Sea Festival gehört. Zu unserem Konzert bringt Brian Blade seine ganze Band mit. Mit meinen Arrangements muss ich also die Bigband um die kleine Gruppe herumbauen und die Gruppe in die Bigband integrieren. Es wird eine spannende Herausforderung, alles so zu schreiben, dass es zusammenpasst.

Stötzler: Für mich ist das eines der wichtigsten Projekte in dieser Spielzeit, wenn nicht das wichtigste. Auch ich habe die Fellowship-Band in ihren Anfängen gehört, 1999 in Hamburg, damals war noch – für ein Jazzensemble eher untypisch - ein Pedal-Steel-Gitarrist Teil der Band. Das Instrument hat diesen Sound von Weite, sehr amerikanisch. Ich glaube, dass Jims Art zu schreiben perfekt zum Sound dieser Band passt.

McNeely: Als ich sie damals hörte, war auch die Pedal-Steel-Gitarre dabei.

Stötzler: Ja, Dave Easley hat sie gespielt. Er ist aber nicht mehr in der Band.

McNeely: Schade.

Stötzler: Das ist dein Job jetzt, die Pedal-Steel-Gitarre durch die hr-Bigband zu ersetzen …

McNeely: In Amerika ist das Instrument hauptsächlich mit Country- und Western-Musik verknüpft, es hat einen ziemlich merkwürdigen Sound. Dass Brian es in seine Band aufgenommen hat, zeigt, dass er neue Wege gegangen ist. Er hat sich über die gängige Meinung hinweggesetzt, wie ein Jazzquintett aussehen sollte, er hat seine eigene Vision.

Stolla: Neben den neuen Projekten werden Sie zwei erfolgreiche Programme aus vergangenen Spielzeiten wiederholen: Dave Holland kehrt zurück, und auch das Konzert mit Musik von Joe Zawinul wird noch einmal gespielt.

McNeely: Für Dave Holland werde ich einige neue Arrangements schreiben. Das wird also mehr als eine einfache Wiederaufnahme. Und im Zawinul-Projekt ist diesmal der Keyboarder Roberto Di Gioia zu erleben, also wird auch das anders klingen.

Stolla: Herr Stötzler, über die Projekte hinaus, die Jim McNeely dirigieren wird, was sind für Sie weitere Leuchtturmprojekte?

Stötzler: Zum Beispiel unsere Hommage an Chet Baker. Damit führen wir die Zusammenarbeit mit dem Trompeter Bert Joris aus Belgien weiter und mit Enrico Pieranunzi. Ich finde es schön, mit Leuten eine solche Arbeitsbeziehung aufzubauen. Das ist für mich ein Highlight. Und dann kommt noch ein Trompeter ganz anderer Art, Matthias Schriefl, Enfant terrible des jungen deutschen Jazz, der für uns ein Programm für das Deutsche Jazzfestival macht, musikalisch irgendwo zwischen Indien und Allgäu angesiedelt. Das wird sicher ein bisschen verrückt, aber sehr interessant. Dann natürlich auch »Bach Goes Big Band« in der Alten Oper. Das Projekt mit Cristina Branco und »Petite Afrique« mit der wunderbaren Somi, einer Neuentdeckung am Jazzfirmament. Und definitiv unsere Begegnung mit der einzigartigen Youn Sun Nah. Magnus Lindgren wird dafür die Arrangements schreiben – auch ein Musiker, mit dem wir mittlerweile eine schöne Arbeitsbeziehung pflegen.